Vintage-Klamotten, Second-Hand-Möbel, Foodsharing und Upcycling – immer mehr Menschen beschäftigen sich mit ihrem biologischen Fußabdruck, Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit. Nichtsdestotrotz leben wir in einer Wegwerfgesellschaft statt Kreislaufwirtschaft. Einen Ausweg sieht der Chemiker Michael Braungart, der mit seiner Idee des Cradle to Cradle von einer abfallfreien Wirtschaft träumt. Hersteller Herman Miller folgt dem Prinzip bereits seit 15 Jahren, um Bürostühle so nachhaltig wie möglich zu gestalten.
Das Prinzip Cradle to Cradle – Von Ökoeffizienz zu Ökoeffektivität
Laut der Bundeszentrale für politische Bildung entstehen in Deutschland jährlich mehr als 372 Millionen Tonnen Müll, wovon allein 46 Millionen Tonnen Siedlungsabfälle sind – also Haushaltsabfälle, Papier- und Biomüll sowie Glas, Elektroschrott und Sperrmüll. Damit liegen die Deutschen, die pro Kopf rund 4,8 Tonnen Müll produzieren, innerhalb der EU an der Spitze. Doch mit dem steigenden Abfallaufkommen, vermehren sich auch Alternativen rund um den Gedanken an eine Welt ohne Müll.
Doch es gibt Wissenschaftler, Unternehmer und Pioniere, die an eine Welt glauben, in der Müll erst gar nicht anfällt. Zu dieser Denkschule gehören der Verfahrenstechniker Michael Braungart und der Architekt William McDonough. In ihrem Cradle to Cradle-Konzept (dt. „von der Wiege zur Wiege“) geht es um einen Kreislauf zur Wiederverwertung von Produkten. „Falsches effizient gemacht, wird nicht richtig, sondern erhöht den Schaden“, meinen die Autoren des Buches Cradle to Cradle: Remaking the Way We Make Things und halten Unternehmen zu einem radikalen Umdenken von Ökoeffizienz zur Ökoeffektivität an.

Mit der Umwelt, in der alles Nährstoff und nichts Abfall ist, als Vorbild, wollen Braungart und McDonough die Wirtschaft revolutionieren. Die Ziele dieser Denkschule sind Kreisläufe:
- In technischen Kreisläufen sollen keine gesundheits- und umweltschädlichen Materialien und Rohstoffe mehr verwendet werden, sodass alle Gebrauchsgüter sortenrein zurückgewonnen und zur Produktion neuer kreislauffähiger Produkte genutzt werden können.
- Auch Verbrauchsgüter sollen wieder in biologische Kreisläufe zurückgeführt werden können, um als Nährstoffe und Ressourcen für natürliche Kreisläufe zur Verfügung zu stehen.
Von der Wiege zur Wiege statt Downcycling
Bei der Cradle-to-Cradle-Strategie (C2C) entstehen keine Downcyclingeffekte, das heißt, dass es beim Recycling nicht zu einer Wertabnahme der Ressourcen kommt. Dafür allerdings muss das Designkonzept umgedacht werden, denn nur komplett recyclebare Produkte aus schadstofffreien Materialien und Rohstoffen mit hoher Materialgesundheit lassen sich im Sinne des C2C-Konzeptes sortenrein zerlegen und wiederverwerten.
Denkbar sind in der Umwelt kompostierbare Materialien, essbare Verpackungen oder reine Kunststoffe und kreislauffähige Metalle, die vielfach für denselben Zweck verwendet werden können. Ein Gedankenexperiment: Würde es gelingen, alle Produkte nach diesem Produktstandard als biologische oder technische Nährstoffe anzulegen und sie mithilfe erneuerbarer Energie herzustellen, müsste man sich über CO₂-Bilanzen keine Sorgen mehr machen.
C2C Gold-Zertifikat für Herman Miller
Bewiesen hat Braungart die Nutzung des Cradle-to-Cradle-Designkonzepts bereits am Herman Miller Mirra 2. Der von der Designschmiede Studio 7.5 entworfene, besonders nachhaltige Bürostuhl besteht in all seinen Einzelteilen aus demselben Material, das sich bis zu dreihundert Mal wieder einschmelzen lässt. Wie Braungart in einem Interview mit planet.e sagt, geht es ihm dabei nicht darum, für die nächsten 3000 Jahre ein und denselben Design-Schreibtischstuhl herzustellen, sondern um das Ziel, Unternehmen zu einer „Materialbank“ zu machen: „Man verkauft nur noch die definierte Dienstleistung […], dann geht das Material wieder zurück und die Komponenten können wieder eingesetzt werden.“

Unternehmen, die sich mit der Entwicklung und Umsetzung von umweltverträglichen Produktionsverfahren, Kreislaufwirtschaft und Ökobilanzen ihrer Gebrauchsgüter auseinandersetzen, können das Cradle to Cradle®-Zertifikat der NGO EPEA erhalten. Braungart und McDonough gründeten die NGO Hamburger Institut EPEA, welches die Zertifizierung nach folgenden Kriterien vergibt:
- Nutzung von umweltsicheren, gesunden und wiederverwertbaren Materialien und Rohstoffen (technische Wiederverwertung oder Kompostierung)
- Einsatz von regenerativen Energieformen (z.B. Sonnenenergie)
- verantwortungsvoller Umgang mit Wasser
- Strategien zu sozialen Verpflichtungen gegenüber Menschen des Unternehmens
Zertifikat als Indiz für Nachhaltigkeit
Bis dato gibt es rund 140 Unternehmen, die 500 Produkte nach der Cradle-to-Cradle-Kreislaufwirtschaft im Sinne der EPEA NGO auf den Markt gebracht haben. Laut der NGO steht vorbildhaft der US-Hersteller Herman Miller an der Spitze, der bereits seit 15 Jahren für ihre nachhaltigen Bürostühle nach der C2C-Strategie arbeitet. Nachdem der Mirra 2 das erste Büromöbelstück war, das von Anfang an nach Cradle to Cradle-Prinzipien entwickelt wurde, zog das Unternehmen mit allen weiteren Büromöbeln wie dem Setu Chair, dem überarbeiteten Aeron Chair oder dem neuesten Modell von Studio 7.5, dem Cosm Chair, einem neuen Produktstandard nach.
Mit dem Kauf von refurbished Herman Miller-Bürostühlen oder der Nutzung von bereits verwendeten Sample Chairs helfen Sie dem Kreislauf doppelt – von Wiege zu Wiege. Einerseits sind die Stühle zu fast 100% recyclebar, andererseits muss die Umwelt nicht zusätzlich durch Abfall oder die Wiederaufwertung bzw. Produktionsprozesse belastet werden.